Förderung der Reformpädagogik in Österreich

Helen Parkhurst und der Daltonplan

Helen Parkhurst wurde am 8. März 1886 in der Kleinstadt Durand in Wisconsin geboren. Ihre Kindheit und Jugend fielen in den Beginn der "Progressive Era". Sie wuchs in der Mentalität der Pioniergemeinden heran deren Ideologie noch lebendig war. Auffallend erinnert sich Parkhurst an eine recht glücklichen Kindheit, wenn man vom Kirchen- und Schulbesuch absieht.

"singularly free from restrictions" - damit ist nicht nur der liberale elterliche Erziehungsstil gemeint sondern vor allem die anregungsreiche wie überschaubare Umgebung eines ländlich-kleinstädtischen Milieus, wo das Kind zahlreiche Erkundungen auf eigene Faust vornehmen konnte.

Die Familie lebte in gesichertem Wohlstand. Der Vater, James Henry Parkhurst, betrieb ein Gasthaus, züchtete Pferde und belieferte die Schlachthöfe in Chicago mit Rindern, die er von Viehtreibern kaufte. Die Mutter Ida Parkhurst sorgte für die Bildung ihrer Kinder und ließ ihnen Mal- und Zeichenunterricht erteilen. Ihre Leseleidenschaft scheint sich schon früh auf die Tochter übertragen zu haben. Die bedeutendste Rolle spielte die Großmutter Mary Underwood, die von walisischer und englischer Abstammung war. Helen rühmte die Güte und das Einfühlungsvermögen dieser Frau, die mit ihrem unerschütterlichen Glauben an das "Gute" im Kind ihr ein starkes Selbstvertrauen vermittelte und damit vielleicht die Richtung und die Intensität des pädagogischen Engagement ihrer Enkelin maßgeblich beeinflusste; zumindest hat sie ihre spätere Karriere großzügig unterstützt.

In ihren Erinnerungen an die Schulzeit beklagte Parkhurst vor allem den Zwang zum Stillsitzen und die unerträgliche Langeweile. Der Schulunterricht wurde von der Methode beherrscht, die Kinder mit Aufgaben aus Arbeitsbüchern still zu beschäftigen und anschließend die Lernergebnisse zu kontrollieren. Das Auswendiglernen von Texten und das Beantworten der Lehrerfragen, "wie aus der Pistole geschossen", spielten die Hauptrolle.

Trotz - oder wegen - der misslichen Schulerfahrungen soll Helen Parkhurst schon sehr früh den Wunsch gehegt haben, Lehrerin zu werden. Das Schulexperiment in Waterville/Wisc. (1904-1918) Im Hernst 1904 begann sie dann ohne jegliche formale Ausbildung, die 40 Schülerinnen und Schüler der einklassigen Landschule von Waterville zu unterrichten - und dies mit Erfolg!

Gleich zu Beginn des Schuljahres wurde das traditionelle Klassenzimmer in "daltonspezifischer" Weise verändert. Bewegliche Tischgruppen, Fachwinkel "subject corners" bildeten, in denen die Schüler selbsttätig arbeiteten. Sie folgten dabei schriftlichen Arbeitsanleitungen "assignments", wobei die jüngeren Schüler Wochen-, die älteren Monatspläne mit 20 Arbeitseinheiten "units" pro Fach und Monat erhielten. Es gab noch einen Stundenplan, der die Schüler teilweise band, so durften sie sich anscheinend doch im Klassenzimmer frei bewegen und nach Belieben mit Partnern oder Gruppen kooperieren.

"Freedom of movement" zählte zu den unverzichtbaren Bestandteilen eines neuen pädagogischen Konzepts. Für die Ordnung und Disziplin im Klassenraum waren die Schüler ebenso selbst verantwortlich wie für die individuelle Ausführung ihres Arbeitspensums: "Freedom with responsibility" ist auch das pädagogische Kernstück des Daltonplans. Die Schülerinnen und Schüler sind von Anfang an in die Gestaltung der Lehr-, Lern-Organisation miteinbezogen - dies kam auch der Lernhaltung zugute! Wie immer auch der erste Schulversuch in Waterville verlaufen sein mag, er bildete den ersten Schritt einer knapp zehnjährigen Karriere.

Das Bild vom frühen Werdegang Helen Parkhursts, lässt sie deutlich als zielbewusste "self- made" Reformpädagogin erkennen, die vor allem auf ihre Intuition und ihre persönlichen

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Erfahrungen vertraut. Als entscheidender Bezugspunkt ihrer Pädagogik erscheint hierbei das Wissen um die Bedürfnisse der Kinder, besonders um deren Streben nach Selbständigkeit und Anerkennung durch die Erwachsenen. "Children are not really bad, only misunderstood." Sie entwickelte den Daltonplan in engster Verbindung mit der Schulpraxis, und ihre pädagogischen Schriften zeigen sich bei aller Reflektiertheit stets systemfern. Sie interessierte sich kaum für die pädagogische Philosophie und dagegen sehr für die empirisch orientierte Psychologie und Anthropologie. Sie war in dieser Zeit auch die einzige Reformpädagogin, die Lehrerin war. Sie spricht nur speziell über den Unterricht und hier wiederum über die Lehr- und Lernorganisation. Im Jahre 1919 organisierte sie die "Upway Field School" neu, eine Sonderschule für behinderte Jungen, die nicht in Jahrgangsklassen gegliedert war. Dort entwickelte sie als letztes Element ihres Konzepts das System der "Graphen" zur (Selbst-) Kontrolle der Lernschritte.

Die ersten Berichte über das fortan "Dalton (Laboratory) Plan" genannte Konzept erschienen im Mai 1920 und erregten ungewöhnliches Aufsehen. Um 1922/23 setzte die internationale Verbreitung des Daltonplans ein; sie erreicht in den zwanziger Jahren die Sowjetunion, China, Japan und - über das britische Weltreich - Kanada, Südafrika, Australien, Indien und einige andere Staaten.

In Europa konnte sich der Plan in den Niederlanden fest etablieren und wurde in der Zwischenkriegszeit auch in der Tschechoslowakei und in Polen praktiziert, während er in seinem Ursprungsland keine herausragende Bedeutung erlangen konnte. Sie hatte den Daltonplan stets als Reformvorschlag für jedwede Sekundarschule angeboten und lehnte die Dogmatisierung ihres Konzepts strikt ab. Im Jahre 1957 unternahm Parkhurst mit Dorothy R. Luke ihre vermutlich letzte Überseereise. Sie besuchte Schweden, Italien und Niederlande. Hier fand sie den Daltonplan fest etabliert und konnte in Rotterdam die wahrscheinlich weltweit einzige Daltonplanschule besichtigen, die ihren Namen trug.

Königin Juliana zeichnete die Amerikanerin für ihre Verdienste um das niederländische Schulwesen mit einem hohen Orden aus. Noch 1970 hielt sie an der University of Wisconsin in Stevens Point Daltonplan-Seminare für Lehrer, Schulleiter und Schuladministratoren.

In ihren letzten Lebensjahren arbeitete die Pädagogin an zwei Projekten, einem Buch über Maria Montessori und an ihrer Autobiographie, hatte aber beides nicht sehr weit entwickelt, als sie sich im Mai 1973 bei einem Sturz eine Hüftfraktur zuzog. Nach einem sechswöchigen Krankenhausaufenthalt verstarb Parkhurst am 4. Juni 1973 und wurde bei "Starbridge" beerdigt.

Helen Parkhurst's Daltonplan wurde nach der Stadt Dalton in Massaschusetts benannt, wo ihn die britische Fachwelt im Jahre 1920 entdeckte. "Unsere Liebe sollte groß genug sein, alle Sorgen umfassen zu können, von denen es je heimgesucht wird. Jedes dieser Probleme kann beseitigt werden, wenn wir unsere Kinder nur in Ruhe anhören." "Sie vertraut auf eine vorgegebene Harmonie, der zufolge das Kind, dem man emotionale Sicherheit, eine "vernünftige" Umgebung und innerhalb derselben Freiheit zu selbständigem Denken und Handeln bietet, aus eigener Einsicht zu den Einstellungen und Verhaltensweisen finden wird, die eine demokratische und humane Gesellschaft tragen."

Es gibt sie bereits, die qualitativ zertifizierten "Österreichischen Daltonschulen" und Schulen die daran arbeiten. Viele LehrerInnen bemühen sich in ihrem engeren Umfeld, den Daltonplan auszurichten. An vielen Standorten passieren Projekte, die auf den Gedanken Helen Parkhurst´s beruhen. Sie alle zu sammeln und zu vereinen, das ist unser Ziel.

 

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